Zwischen ADHS und LMAA

Zwischen ADHS und LMAA

Eigentlich halte ich ja absolut nichts davon, alles über einen Kamm zu scheren. Gerade wenn es um die kindliche Entwicklung geht. Schließlich ist jedes Kind doch sehr individuell und es ist meines Erachtens völlig unmöglich wenn nicht sogar unnötig, alle Kinder nach einem bestimmten Raster zu beurteilen. Trotzdem fällt es wirklich schwer als Mutter nicht auch mal nach links und rechts zu schielen was die gleichaltrigen Kinder der anderen so drauf haben während das eigene Kind in vielen Bereichen noch so gar keine Ambitionen zeigt.

Unsere Jungs waren beide motorisch echte Spätzünder. Krabbeln „nach Lehrbuch“ konnten sie erst mit 11 Monaten, Laufen ohne Hilfestellung mit 19 Monaten. Dafür quasselten sie uns beide bereits im zarten Alter von 18 Monaten einen Knopf an die Backe. Auch wenn ich mich vehement dagegen wehrte, irgendeine Art von Leistungsdruck aufzubauen, kamen gerade bei meinem Großen doch ab und zu diese Gedanken, dass vielleicht irgendetwas nicht stimmte und, dass sich mein Kind nicht normal entwickelte. Der Kinderarzt hatte bereits bei einigen U-Untersuchungen Bemerkungen fallen lassen, dass man „das mit dem Laufen im Auge behalten müsse, mit 16 würde er aber sehr wahrscheinlich selbständig laufen“. Scherzkeks! 😉

Als das Kind dann irgendwann endlich lief, hätten wir am liebsten eine Party geschmissen. Mit etwa zwei Jahren fiel jedoch auf, dass mein Sohn immer noch Schwierigkeiten hatte. Er konnte nur schwer Balance halten, fiel oft hin und vergaß dabei sich mit den Armen abzufangen und auch sonst lag er motorisch hinter den Kindern in seinem Alter. Hinzu kam, dass er sehr empfindlich auf laute Geräusche, Veränderungen aller Art, Stimmungen und Reize von außen wie z.B. kratzende Nähte in Pullovern, Gras an nackten Füßen etc. reagierte.

Eine Vorstellung beim Kinderarzt lieferte auch gleich eine Diagnose. „Ihr Sohn leidet unter SIS, einer sensomotorischen Integrationsstörung.“, verkündete dieser. „Ich empfehle Ihnen mit ihm zur Ergotherapie zu gehen.“ „Oh mein Gott!“, dachte ich. „Mein Sohn ist ernsthaft krank!“ Ich googelte „SIS“ und las eine ganze Menge verwirrendes Zeugs. Ich war total verunsichert. So rannte ich also fortan jeden Montag zur Ergotherapie. Insgesamt drei Blöcke a zehn Stunden turnte das Kind gegen seine Diagnose an, mit immerhin einigermaßen erkennbarem Erfolg.

Rückblickend muss ich jedoch ehrlich sagen, dass er sich ohne die Therapie wahrscheinlich genauso gut entwickelt hätte. Meiner Meinung nach neigen die Ärzte heutzutage auch dazu, bei den geringsten Anzeichen einer Abweichung von Schema XY mit Diagnosen um sich zu schmeißen. Das Kind ist unkonzentriert? Dann hat es ADS! Es ist schüchtern und hat Probleme, sich auf neue Situationen einzustellen? Ganz klar: dann hat das Kind HS oder ADHS oder SIS… In diesem Diagnosen-Dschungel kennt sich doch bald keiner mehr aus!

Vielleicht gibt es aber auch manchmal eine ganz einfache, viel näher liegende Erklärung für die vermeintlich „unzureichende“ Entwicklung eines Kindes. Meine Kids z.B. haben nun mal das Pech, dass sie meine Söhne sind. Wenn man den Begriff „Körperklaus“ im Lexikon nachschlägt, findet man daneben ein Foto von mir. Ich meine, hey, ich habe die Unsportlichkeit quasi erfunden und bin darauf verdammt stolz! 😉 Meine Kinder hatten also gar keine Chance, sich motorisch gut zu entwickeln.

Ich bin ja der Meinung, dass die meisten Kinder vor allem eines haben: GGI – ganz gesunden Individualismus! Und den sollte man nach Möglichkeit untherapiert lassen.

 

Dieser Text ist ebenfalls erschienen auf Eltern

6 thoughts on “Zwischen ADHS und LMAA

  1. JH

    Als Betroffene kann ich nur sagen:

    Vielen Dank für den Schlag ins Gesicht aller ADHS Betroffener und deren Angehörigen.

    ADHS ist kein „ich kann mich nicht konzentrieren“, es ist eine neurologische Störung die vielfältige Probleme mit sich bringt.
    Sie wirkt sich auf das Sozialverhalten aus. Auf die Impulskontrolle, Stimmung, das Selbstwertgefühl und vieles mehr.

    Unbehandelte ADHSler haben nicht nur eine geringere Lebenserwartung, sondern auch ein erheblich größeres Risiko diverse Begleiterkrankungen wie z.B Depressionen zu entwickeln und in der Erwerbsunfähigkeit zu enden.

    1. Liebe Julia, wie bereits erwähnt habe ich in diesem Artikel nur meine persönlichen Erfahrungen mit dem Thema SIS wiedergegeben. Um ADHS ging es überhaupt nicht. Ich habe auch niemandem abgeraten ADHS zu behandeln, sondern anhand unserer Geschichte den allgemein vorherrschenden Diagnosen-Dschungel in Frage gestellt wie ich ihn als Mutter empfunden habe.

  2. Karen Schröter

    Als erwachsene, erst im Erwachsenenalter diagnostizierte ADHSlerin, ist dieser Artikel ein Schlag ins Gesicht.
    Sicher gab, und gibt es auch noch, Fehldiagnosen.
    Aber es gibt noch viel mehr inzwischen erwachsene betroffene, die im Kindesalter nicht diagnostiziert wurden, weil durch Artikel wie dieser die Eltern verunsichert wurden und das Thema ignoriert wurde.
    Mehr Hintergrundwissen des Verfassers wäre wünschenswert.

    1. Liebe Karen, bei meinem Sohn wurde kein ADHS diagnostiziert, sondern SIS und genau aufgrund dieser Diagnose wurde er auch behandelt bis es laut Kinderarzt nicht mehr nötig war. Ich habe mit keinem Wort erwähnt, dass man Anzeichen von ADHS bei Kindern ignorieren oder unbehandelt lassen sollte. Manchmal hilft es einen Artikel zu lesen. Ich gehe jetzt einfach mal davon aus, dass Eltern, die sich mit dem Thema beschäftigen, das tun. Der Artikel gibt meine persönliche Meinung wieder, basierend auf unseren persönlichen Erfahrungen.

  3. Preston

    Leider ist das Gegenteil meistens der Fall. Betroffene müssen oft jahrelang warten, bevor überhaupt eine Diagnose gestellt wird! Wenn es überhaupt jemanden auffällt und intessiert , trotz jahrelanger Auffälligkeiten. Einen oftmals langer Leidensweg liegt dann schon hinter ihnen. Man sollte nicht leichtfertig über Dinge schreiben und diese veröffentlichen, wenn man augenscheinlich null Ahnung hat. Es zeugt von fehlender Empathie und Intelligenz einen derart geistigen Dünnschiss zusammen zu tippen. Jetzt würde nur noch fehlen, dass alle Eltern die Ihren Kindern Methylphenidat geben ihre Kinder nur ruhig stellen wollen. Genau diesen Menschen ist es zu verdanken, dass oft zu spät gehandelt wird!!!! Menschen wie diese werde ich mein Leben lang bis zum letzten Atem bekämpfen, denn sie akzeptieren Menschen aufgrund einer Behinderung / Beeinträchtigung nicht und verschönigen so den Ernst der Lage. Ich habe auch beruflich mit vielen Kindern und Familien zu tun. Ich kenne bis dato keine Fehldiagnose in diesem Bereich! Ganz im Gegenteil! Es stehen einige Diagnosen noch aus und werden von Ärzten, Lehrern, Erziehern, manchmal sogar Eltern ignoriert.

    1. Liebe Claudia, vielen Dank für Deine sachliche und erwachsene Kritik. Wenn Du den Artikel gelesen hast, kannst Du daraus entnehmen, dass wir keinesfalls leichtfertig mit den Schwierigkeiten unseres Sohnes umgegangen sind. Wir haben sowohl den Kinderarzt, als auch eine Kinderpsychologin zurate gezogen und aufgrund der Diagnose SIS wurde er bei einer Ergotherapeutin behandelt. Da er sich deutlich besser entwickelte und der Kinderarzt der Meinung war, dass eine weitere Behandlung nicht von Nöten sei, vertrauten wir darauf und beendeten die Behandlung. Mittlerweile hat er keine Probleme mehr motorisch mit seinen Altersgenossen mitzuhalten und mein Bauchgefühl sagt mir, dass er auch ohne weitere Therapien seinen Weg im Leben finden wird. Mir aufgrund dieses Artikels zu unterstellen, dass ich Menschen mit Behinderung oder Beeinträchtigungen nicht akzeptiere, finde ich sehr gewagt. Die „LMAA“-Einstellung, von der ich im Text schreibe, spiegelt lediglich mein damaliges Empfinden und meine Wut darüber wieder, dass Kinder heutzutage vermehrt in Raster gepresst werden und jeder, der dort nicht hineinpasst, muss „passend gemacht“ werden. Das finde ich sehr bedenklich.

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