Überfördert

Überfördert

Was machst Du denn um Dein Kind zu fördern?“, fragte mich einmal eine andere Mutter. Wir saßen gemeinsam im Wartezimmer unseres Kinderarztes, hatten uns vor ein paar Minuten erst kennengelernt und bis gerade eben erschien sie mir auch recht sympathisch. „Ähm…“, erwiderte ich. „Im Moment noch nicht so richtig viel. Ich meine ich spiele halt mit ihm, singe ihm vor und sowas. Er ist ja auch erst ein paar Wochen alt.“ Das Gesicht meiner neuen Bekanntschaft morphte in einen Ausdruck, der irgendwo zwischen Entsetzen und Verwunderung lag. „Aber gerade die ersten Wochen sind doch ganz entscheidend für die Entwicklung!“, sagte sie, nachdem sie sich wieder gefangen hatte. „Ich geh mit Titus Montags zum Babyschwimmen, Dienstags zur Babymassage, und Donnerstags sind wir immer beim PEKIP-Kurs. Also ich merke, dass ihm das total gut tut. Gerade der Kontakt zu anderen Kindern. Der schläft danach immer total super!“ … Kein Wunder, dachte ich, bei dem Terminkalender ist das einzige, was sich bei Titus gerade entwickelt, höchstwahrscheinlich sein allererster Burnout :-).

Wieder zu Hause kam ich jedoch ins Grübeln. Was, wenn Titus‘ Mutter Recht hatte? „Förderte“ ich mein Kind wirklich genug?

Nach einigem Hin und Her fasste ich den folgenschweren Entschluss, diese PEKIP-Kiste mal auszuprobieren. Schaden konnte es ja nicht. Und vielleicht lernte ich ja bei der Gelegenheit ein paar nette Muttis aus der Nachbarschaft kennen. (HA…HA…HA)

Das Krankenhaus, in dem ich entbunden hatte, hatte einen passenden Kurs im Angebot. Mit 90 Euro Kursgebühr für 10 Termine nicht gerade ein Schnapper, aber das Kind musste ja mal raus und neue Leute kennenlernen ;-). Und so brachen wir an einem frostigen Februarmorgen zu unserer ersten PEKIP-Stunde auf. PEKIP ist übrigens die Abkürzung für „Prager Eltern-Kind-Programm“, aber das braucht Ihr Euch nicht zu merken.

Schon der Hinweg war eine echte Herausforderung. Ich verließ die Wohnung bei klirrender Kälte, begleitet von dezentem Sonnenschein und befand mich auf halber Strecke aufgrund eines spontanen Wintereinbruchs plötzlich knietief im Schnee. Es schneite wie aus Kübeln und eisiger Wind peitschte mir frische Schneeflocken ins Gesicht. Es war als wollte irgendeine fremde Macht mir sagen: „Geh nach Hause! Kehr um solange Du noch kannst!“. Hätte ich mal auf sie gehört.

Als ich endlich das Krankenhaus erreichte, klatschnass bis auf die Haut, vom Scheitel bis zu den Zehenspitzen durchgefroren und mit ca. 4 cm Neuschnee auf der Regenhaube des Kinderwagens, war ich eigentlich schon bedient. Genervt pellte ich meinen friedlich schlafenden Sohn aus seinem kuschelig warmen – und vor allem trockenen – Schneeanzug. Vor dem Gymnastikraum stand bereits eine ganze Kinderwagen-Kolonne. Drinnen tummelten sich die ersten Teilnehmerinnen und schnatterten. Ihre Ableger hatten sie auf großen blauen Isomatten platziert, wo jetzt der eine oder andere lautstark seinem Unmut über das von Mama so unsanft beendete Nickerchen Luft machte. Ich nahm auch auf einer Matte Platz und behielt meinen Sohn erst einmal auf dem Arm. Das erschien mir praktischer, falls ich doch noch spontan flüchten müsse. Allmählich füllte sich der Raum.

Eine Frau Mitte Vierzig kam herein und stellte eine Kiste mit Greifringen und ähnlichem Krimskrams auf den Boden. „Hallo, alle miteinander!“, rief sie fröhlich und wies uns an, die Schuhe auszuziehen und mit den Kindern auf dem Boden Platz zu nehmen. Sie gab sich als „Insa, die Kursleiterin“ zu erkennen und erklärte uns erst einmal den Grundgedanken eines PEKIP Kurses, nämlich den, Kinder bereits im Säuglingsalter spielerisch zu fördern und damit positiv in ihrer Entwicklung zu beeinflussen. Soweit waren wir ja schon.

So, dann stellt Euch doch mal alle der Reihe nach mit Euren Kindern vor.“, sagte Insa. Ich hasste solche Spielchen schon damals!

Hallo, mein Name ist Barbara und meine Hobbies sind Häkeln und Kartoffeldruck.“, schoss es mir durch den Kopf und ich musste mir ein Grinsen verkneifen. Glücklicherweise war ich die letzte in der Runde und so konnte ich mir in aller Ruhe ein paar passende Worte zurechtlegen. Nachdem diese erste Hürde erfolgreich bewältigt war, nahm das Unheil seinen Lauf.

Der nächste Programmpunkt bestand darin, die Kinder auszuziehen. Komplett! „Bitte auch die Windel entfernen!“, ermahnte die Insa. „Ich will hier nur splitternackte Babies sehen!“ Nachdem die Kinder alle nackt waren und ich mich ebenfalls meines Pullovers entledigt hatte – im Raum herrschten gefühlte 40°C – wurden uns Wasserbälle in die Hand gedrückt, die wir nun über das Kind halten sollten, damit dieses danach greifen und treten konnte. Mein Sohn war irritiert. Erst war die Mama noch da und jetzt war sie plötzlich weg. Statt Mamas Gesicht war da jetzt nur so ein großes blaues Plastik-Dingsbums. Vielleicht ging das irgendwie weg wenn man brüllte, dachte er wohl und legte auch gleich los. Somit waren die Übungen für uns erst einmal gelaufen. Bei dem Versuch ihn zu beruhigen, ergriff er die Gelegenheit beim Schopf, auf Mamas kuscheligem Arm auch gleich ein kleines Geschäft zu erledigen. Große Begeisterung! 90 Euro für ein vollgepinkeltes T-Shirt. Die Kursgebühr hatte sich bereits rentiert. Völlig entnervt und mit einem aufgrund meiner Hektik brüllenden Kind im Arm versuchte ich einhändig, das Gröbste zu beseitigen. Ich fühlte mich großartig. Am liebsten hätte ich jetzt meine Sachen gepackt und die Flucht angetreten. Die besänftigenden Worte der Insa-Frau schafften es jedoch, diesen Gedanken vorerst beiseite zu schieben. Zur Sicherheit legte ich ein Handtuch zwischen mich und meinen Sohn, um mich vor weiteren Unfällen zu schützen. Völlig überflüssigerweise – wie sich herausstellte – denn das Kind pinkelte mit großer Inbrunst erneut und zwar NEBEN das Handtuch. Ein Hoch auf die Flexibilität des männlichen Geschlechtsorgans! Die Mädchen-Mütter waren alle noch trocken. Zu dem bepieselten Shirt gesellte sich eine bepinkelte Hose. Jetzt passte das Ensemble wenigstens zusammen.

Am liebsten hätte ich laut geschrien, aber das übernahm mein Sohn für mich, der von dem ganzen Zirkus um ihn herum und der gestressten Mama langsam aber sicher die Nase voll hatte. Nachdem er auch noch das Abschiedslied durchgebrüllt hatte, in dem sich alles auf „Hurra“ reimte, durften wir die Kinder endlich wieder anziehen. Völlig erschöpft und nun dank meines Sprösslings von innen und außen gleichmäßig befeuchtet trat ich den Heimweg an. Es schneite immer noch.

Bis nächste Woche!“, flötete die Insa uns hinterher. „Oder auch nicht….“, dachte ich.

 

Dieser Text ist ebenfalls erschienen auf Eltern

8 thoughts on “Überfördert

  1. Ich gerade so froh nie in einem PEKIP Kurs gewesen zu sein! Ich musste so lachen!
    LG, Natalia

  2. Simone

    Oh man! Deine miese Erfahrung tut mir Leid. Oder war das kreative Übertreibung? Mein gerade beendeter PEKiP Kurs war ein toller Spass! Ich weiss nicht ob ich die Entwicklung meines Sohnes jetzt nachhaltig angekurbelt habe – wohl ehr nicht.
    Ich kann aber verbindlich bestätigen, dass der Kleine Spass hatte. Und ich sowieso. Und das war mir die Sache schonmal wert!

    1. Leider war MEINE Erfahrung wirklich so mies. Aber natürlich überspitze ich auch gerne in meinen Erzählungen ein bisschen. 😉 Es freut mich, dass Du offensichtlich mehr Glück hattest. Liebe Grüße!

  3. Hi, ich hab drei Kinder und die Qualität der Kurse waren sehr unterschiedlich. Beim Großen war die Kursleitung indiskutabel, intolerant und recht resistent bei Wissensfragen (natürlich wusste sie alles besser als die studierte Oecotrophologin im Kurs), davor waren wir 2x in einem Kurs, den ich schmeissen durfte, nachdem mein Mann einmal dort war und danach einsah, dass wir lieber aufs Geld verzichten. Beim zweiten hatten wie einen tollen Kurs (falls hier Kölner lesen, Familienbegleitung direkt bei Angelika selbst), wo verschiedene Standpunkte parallel erklärt wurden und man eine eigene Meinung äussern und umsetzen durfte. Beim dritten Kind habe ich einen Kurs nur eine Staffel durchgehalten, die Mamas waren nett und die Kursleitung war absolut nicht mein Fall und meinem Eindruck nach wurden die Erstmamas schön verunsichert. Ich find Kurse nett für die Babys, aber nicht als „Förderung“, sondern um andere Babys zu erleben und etwas Exklusivzeit zu haben. Ohne Haushalt, Telefon und Geschwister.

    1. Es kommt halt immer sehr auf die Umstände und die Leute an. 🙂

  4. Bin mittlerweile auch ein kompletter Anti-Förder-Fan geworden. Mit meinem Baby werde ich aber trotzdem wieder in die Pikler-Gruppe gehen, aber v.a. weil es da für mich so herrlich entspannend ist 🙂

    1. Ja, so eine kleine Auszeit vom Babyalltag daheim ist schon Gold wert. Ich wünsche Dir viel Glück! 😉

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