Schnäppchenjagd

Schnäppchenjagd

Nobody knows the trouble I’ve seen…“, dieser Song geht mir spontan durch den Kopf, als ich den Gemeindesaal unter der Johanneskirche betrete. Das Bild, das sich meinen Augen darbietet, verschlägt mir tatsächlich kurz den Atem. Hunderte von Frauen drängen sich dicht an dicht um eine Gruppe von Tischen, auf denen sich Berge von Kinderkleidung türmen. Sie alle sind bis unter die Zähne bewaffnet mit großen Ikeatüten, mit deren Hilfe sie die Schnäppchen jagende Konkurrenz aus dem Weg peitschen. Wie eine Horde wild gewordener Furien reißen und rupfen sie an den Kleidungsstücken, um diese nach einem prüfendem Blick entweder in ihre Tasche zu stopfen oder sie mit enttäuschter Miene wieder zu den anderen Teilen zu werfen, die einst jemand mit viel Sorgfalt nach Größen sortiert und gefaltet hatte.

Das Szenario erinnert mich an die Szene aus „World War Z“, in der die Zombies versuchen, über eine Mauer in die Stadt zu klettern. Ich befinde mich noch in einer Art Schockstarre, als ich den ersten Ellbogen in die Rippen gerammt bekomme. „Ich T-Shirts! Du Hosen!“ schreit die Tüten-tragende Remplerin ihrer Freundin zu und ohne mich auch nur zu beachten, rennen beide auch schon los. Okay…denke ich und überlege kurz, auf dem Absatz kehrt zu machen und mich lieber in Sicherheit zu bringen. Es ist meine erste Kleiderbörse und ich habe mich an diesem sonnigen Freitagabend hierher auf den Weg gemacht, um die Frühjahrsgarderobe meines Sohnes zu erweitern und vielleicht sogar eine günstige Übergangsjacke zu „schießen“. Dass hier wirklich scharf geschossen wird, habe ich nicht erwartet.

Die Shopping-Bedingungen sind denkbar schlecht. Es herrschen gefühlte 50 Grad, die Atmosphäre ist sauerstoffarm und durchweg lebensfeindlich. Die Geräuschkulisse ist eine Mischung aus Müttergeschnatter und plärrenden Kindern – ja, einige Mamis haben tatsächlich ihre Kinder mitgebracht! Dass dies eher eine semi-optimale Idee war, zeigt sich spätestens als es die ersten Verletzten gibt. Die Kleinen sind nun mal genau auf Tüten-Höhe. Und da selbst die Mutti aus bestem Hause in der Aussicht auf einen preiswerten Markenpulli ihre gute Kinderstube vergisst, wird alles was zwischen Mutti und dem Pulli steht, ohne Rücksicht auf Verluste aus dem Weg gemäht. Schnell liegen die ersten Kinder bewusstlos auf dem Boden und werden von achtlosen Füßen unter die Tische geschoben. Dort stören sie weiter niemanden und Mama kann in Ruhe weiter shoppen.

Etwas zögernd, Tüten- und somit völlig schutzlos bahne ich mir den Weg zu einem Tisch mit Jeanshosen. Als ich endlich ein Kleidungsstück zu fassen bekomme, an dem nicht schon eine andere Mutter hängt, triumphiere ich innerlich. „Drei Euro für eine gebrauchte Jeans vom Discounter!?“, zischt mir irgendeine Tante von rechts zu. „Dafür kriegen Sie ja fast eine Neue!“ Sie lächelt zynisch. Ich lächele zurück und hänge die erbeutete Hose wortlos über meinen linken Unterarm. Meine! Die Tante lächelt nicht mehr und stochert weiter in den Klamotten herum. „Ich ziehe hier auch nur Sachen vom Discounter raus!“, japst eine andere Mutter mit hektischen Flecken am Hals verzweifelt. „Wo findet Ihr nur immer die ganzen Marken?“ Ich verdrehe die Augen und entscheide mich dazu, den Rückzug anzutreten. Auf meinem Weg zur Kasse bekomme ich vier Ikea-Tüten, zwei Ellbogen und einen geflochtenen Pferdeschwanz ins Gesicht und erreiche mit letzter Kraft den Ausgang, an dem sich schon eine beachtliche Schlange gebildet hat. Jetzt heißt es also Warten.

Neben mir fällt mir eine Mutter mit einer Babytrage auf, in der ein ca. acht Monate alter Junge hängt und bittere Krokodilstränen weint. Der Schnodder aus seiner Nase hängt ihm bis zum Kinn und bildet in seinem Halstuch einen beachtlichen See. Ich unterdrücke den Impuls, ein Taschentuch zu zücken. Seine Mutter bekommt von alldem nichts mit. Sie ist im Schnäppchen-Modus und prüft in aller Seelenruhe einen Schlafsack auf mögliche Flecken oder Löcher. Als ich endlich an der Reihe bin und meine Beute bezahlt habe, drückt die angesichts dieser „Arbeitsumstände“ sehr nette Kassiererin mir einen Flyer in die Hand. „Im Oktober findet unser Winterbasar statt.“, flötet sie gut gelaunt. „Danke, aber NEIN danke!“, sage ich und lege den Flyer wieder auf den Tisch. „Schönen Abend noch.“, entgegnet die Dame und ich verlasse mit meiner gebrauchten Drei-Euro-Discounter-Hose den Saal. Endlich draußen. Frische Luft. Ruhe. Klatschnass geschwitzt und völlig zerrupft komme ich zu Hause an. „Und? Wie war’s?“, fragt mein Mann. „Hast Du was Schönes gefunden?“

Frag nicht.“, sage ich. „Frag einfach nicht.“

Der Rest ist Schweigen.

 

Dieser Text ist ebenfalls erschienen auf Eltern

2 thoughts on “Schnäppchenjagd

  1. Chris

    Super Bericht. Bei uns sah das ganz genauso aus. Ich war einmal und nie wieder.☺ Danke für die Erinnerung das ich es auch nie wieder versuche…..LG

    1. Zum Glück gibt es ausreichend Alternativen. 🙂

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